Balkonkraftwerk Nordbalkon: Lohnt sich das trotz weniger Sonne?

Dominik Broßell
Redakteur

Ein Balkonkraftwerk auf der Nordseite erscheint auf den ersten Blick wie eine schlechte Idee – schließlich scheint die Sonne dort die wenigste Zeit. Trotzdem kann sich eine Mini-PV-Anlage auch am Nordbalkon lohnen, wenn Du die Erwartungen richtig setzt und ein paar wichtige Faktoren beachtest. Während ein Südbalkon etwa 700-800 kWh pro Jahr erzielt, bringt Dir Dein Nordbalkon immerhin noch 210-320 kWh jährlich bei einem 800-Watt-System.
Das klingt wenig? Bei heutigen Strompreisen von über 40 Cent pro kWh sparst Du trotzdem 84-128 Euro jährlich und das über 20+ Jahre Lebensdauer Deiner Solarmodule. Dieser Ratgeber zeigt Dir ehrlich, was ein Balkonkraftwerk am Nordbalkon wirklich leistet und wann sich die Investition für Dich lohnt.
Warum ein Nordbalkon für Dein Balkonkraftwerk zunächst ungünstig erscheint
Die Nordseite Deines Hauses oder Balkons bekommt fast keine direkte Sonneneinstrahlung ab. Während Deine Solarmodule auf einem Südbalkon den ganzen Tag von der Sonne angestrahlt werden, müssen sie sich auf der Nordseite hauptsächlich mit diffusem Licht begnügen. Das ist Sonnenlicht, das an Wolken, Staub und Luftmolekülen gestreut wird und aus allen Richtungen kommt, auch wenn Du die Sonne selbst nicht siehst.
Diese Faktoren machen den Nordbalkon herausfordernd:
- keine direkte Sonneneinstrahlung während der sonnenreichen Mittagsstunden
- deutlich geringere Lichtintensität als bei optimaler Südausrichtung
- saisonale Schwankungen sind ausgeprägter als bei anderen Ausrichtungen
- Verschattung durch Nachbargebäude oder Balkone wirkt sich stärker aus
Die entscheidenden Faktoren für Deinen Nordbalkon-Ertrag
Anders als bei einer optimalen Südausrichtung kommt es bei Nordseite auf andere Faktoren an. Da Du hauptsächlich diffuses Licht nutzt, sind Verschattung und die richtige Ausrichtung noch wichtiger als sonst.
Diese Aspekte entscheiden über Deinen Ertrag:
- Neigungswinkel der Solarmodule: Je steiler, desto besser für die Nordseite
- freie Sicht auf den Himmel: Jede Verschattung kostet direkt Ertrag
- Qualität der PV-Module: Gutes Schwachlichtverhalten zahlt sich aus
- Dein Stromverbrauch tagsüber: Hoher Eigenverbrauch maximiert den Nutzen
- regionale Bedingungen: Standort und lokale Wetterverhältnisse
Optimaler Neigungswinkel für maximalen Nordbalkon-Ertrag
Bei der Nordausrichtung gelten andere Regeln als für Süddächer oder Südbalkone. Hier ist eine steile Aufstellung deutlich besser als eine flache Montage. Der optimale Neigungswinkel liegt zwischen 60 und 90 Grad, also senkrecht oder fast senkrecht.
Warum steile Module bei Nordausrichtung besser sind:
- maximale Aufnahme von diffusem Himmelslicht
- bessere Nutzung von Reflexionen gegenüberliegender Gebäude
- weniger Verschmutzung durch Selbstreinigungseffekt
- geringere Schneelast im Winter
Eine senkrechte Montage direkt am Balkongeländer ist oft die beste Lösung für Deinen Nordbalkon. So nutzt Du den größtmöglichen Himmelsausschnitt und minimierst Verschattungseffekte.
Realistischer Stromertrag bei Nordausrichtung
Ehrlichkeit ist wichtig: Dein Balkonkraftwerk am Nordbalkon wird deutlich weniger Strom produzieren als eine optimale Ausrichtung gen Süden. Konkret erzielst Du etwa 30-40 % der Erträge eines vergleichbaren Südsystems.
Realistische Jahreserträge bei 800 Watt installierter Leistung:
- Nordbalkon: 210-320 kWh pro Jahr
- Südbalkon: 700-800 kWh pro Jahr
- Ost-/Westbalkon: 500-650 kWh pro Jahr
Diese Zahlen stammen aus praktischen Messungen und berücksichtigen die typischen Bedingungen in Deutschland. Dein individueller Ertrag hängt von der konkreten Verschattungssituation, der Modulqualität und Deinem Standort ab.
Saisonale Unterschiede beachten:
In den Wintermonaten ist der Ertrag Deines Nordbalkon-Kraftwerks besonders gering, da sowohl die Sonnenstunden als auch die Lichtintensität abnehmen. Im Sommer kann diffuses Licht dagegen überraschend gute Ergebnisse erzielen – besonders bei bedecktem Himmel, wenn alle Ausrichtungen ähnliche Bedingungen haben.

Kostenvergleich: Lohnt sich ein Balkonkraftwerk?
Die Anschaffungskosten für Dein Balkonkraftwerk bleiben unabhängig von der Ausrichtung gleich. Ein 800-Watt-Komplettsystem kostet heute zwischen 500 und 1.200 Euro, je nach Qualität der Komponenten und Montagezubehör. Der Unterschied zeigt sich in der Amortisationszeit.
Amortisation bei verschiedenen Ausrichtungen:
- Südausrichtung: 3-6 Jahre bei heutigen Strompreisen
- Ost-/Westausrichtung: 4-7 Jahre
- Nordausrichtung: 7-12 Jahre
Auch wenn die Amortisation länger dauert, profitierst Du anschließend 15-20 Jahre von kostenlosem Solarstrom. Bei steigenden Strompreisen wird diese Zeit sogar kürzer.
Warum sich Dein Nordbalkon-Kraftwerk trotzdem lohnt
Auch 210-320 kWh Eigenproduktion pro Jahr sind wertvoll. Bei heutigen Strompreisen von über 40 Cent pro kWh sparst Du jährlich 84-128 Euro und das ist nur der Anfang.
Weitere Argumente für Dein Nordbalkon-Kraftwerk:
- steigende Strompreise: Jede selbst erzeugte kWh wird jährlich wertvoller
- Grundlastabdeckung: Dein Nordbalkon deckt perfekt Kühlschrank, Router und andere Dauerverbraucher ab
- Energieunabhängigkeit: Weniger Abhängigkeit von Energieversorgern und Preissteigerungen
- Klimaschutz: Etwa 100-160 kg CO₂-Einsparung pro Jahr
- Keine Alternative: Für viele Mieter und Mieterinnen ist der Nordbalkon die einzige Option für eigene Solarenergie
Das flache Erzeugungsprofil Deines Nordbalkon-Kraftwerks passt gut zur Grundlast Deines Haushalts. Statt mittags Überschüsse zu produzieren, lieferst Du gleichmäßiger über den Tag verteilt Strom – genau dann, wenn Deine Grundverbraucher ihn brauchen.
Langfristige Rentabilität trotz Nordausrichtung
Die Strompreise in Deutschland sind in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen: von etwa 25 Cent pro kWh im Jahr 2015 auf über 40 Cent heute. Dieser Trend wird sich fortsetzen, da die Energiewende mit Netzausbau und neuen Technologien finanziert werden muss.
Deine Vorteile bei steigenden Strompreisen:
- jede gesparte kWh wird wertvoller
- Deine Amortisationszeit verkürzt sich automatisch
- nach Amortisation profitierst Du 15+ Jahre von kostenlosem Strom
Bei einer konservativen Strompreissteigerung von 3 % jährlich amortisiert sich selbst Dein Nordbalkon-Kraftwerk schneller als heute berechnet. Gleichzeitig sinken die Anschaffungskosten für PV-Module weiter, was künftige Investitionen noch attraktiver macht.
Praxisbeispiel: Familie Jahn mit 800-Watt-Nordbalkon-System
Familie Jahn wohnt zur Miete und hat nur einen Nordbalkon. Statt auf Solarstrom zu verzichten, entschieden sie sich für ein Balkonkraftwerk und optimierten ihren Verbrauch.
Die Fakten:
- Anschaffungskosten: 850 Euro für hochwertiges 800-Watt-System
- Jährlicher Ertrag: 280 kWh bei optimaler steiler Montage
- Eigenverbrauchsquote: 80% durch geschickte Gerätenutzung tagsüber
- Strompreis: 42 Cent pro kWh
- Jährliche Ersparnis: 94 Euro
Die Bilanz nach 25 Jahren:
- Amortisation nach 9 Jahren
- Gesamtgewinn: über 1.500 Euro
- CO₂-Einsparung: etwa 3,5 Tonnen
Familie Jahn nutzt Zeitschaltuhren für Waschmaschine und Geschirrspüler, lädt Akkus tagsüber und hat ihren Stromverbrauch bewusst in die hellen Stunden verlegt. So maximieren sie ihren Eigenverbrauch trotz der geringeren Produktion.
Maximiere PV-Erträge aus Deinem Nordbalkon
Mit der richtigen Strategie und hochwertigen Komponenten kannst Du auch aus Deinem Nordbalkon eine ordentliche Stromausbeute holen.
Deine Optimierungsmöglichkeiten:
- Hochwertige Module wählen: Gutes Schwachlichtverhalten zahlt sich aus
- Steile Montage: 60-90 Grad Neigungswinkel sind optimal
- Verschattung minimieren: Jeder freie Zentimeter Himmel zählt
- Verbrauch optimieren: Nutze Strom bewusst tagsüber
- Zeitschaltuhren einsetzen: Automatisiere Deine Großverbraucher
- Speicher erwägen: Ein kleiner Balkonkraftwerk-Speicher kann die Eigenverbrauchsquote erhöhen

Die richtige Ausrichtung ist bei der Nordseite besonders wichtig. Achte darauf, dass Deine Solarmodule freie Sicht auf möglichst viel Himmel haben und nicht von Nachbarbalkonen, Dachvorsprüngen oder Vegetation verschattet werden.
Fazit: Dein Mini-PV-Anlage als sinnvolle Investition
Ein Balkonkraftwerk am Nordbalkon erzielt deutlich weniger Ertrag als eine optimale Südanlage – das ist Fakt. Trotzdem lohnt sich die Investition bei realistischen Erwartungen und richtiger Umsetzung. Mit 210-320 kWh Jahresertrag und Strompreisen über 40 Cent sparst Du jährlich 84-128 Euro und hilfst dem Klima.
Die wichtigsten Erfolgsfaktoren:
- steile Montage zwischen 60-90 Grad wählen
- Verschattung vermeiden und freie Himmelssicht maximieren
- Eigenverbrauch durch geschickte Geräte-Nutzung optimieren
- Erweiterung durch einen Stromspeicher
- hochwertige Module mit gutem Schwachlichtverhalten einsetzen
- Langfristig denken: Nach 7-12 Jahren Amortisation folgen 15+ Jahre kostenloser Strom
Für viele MieterInnen und HausbesitzerInnen ist der Nordbalkon die einzige Möglichkeit, eigenen Solarstrom zu erzeugen. In diesem Fall ist auch ein reduzierter Ertrag besser als gar keiner. Du leistest Deinen persönlichen Beitrag zur Energiewende und wirst langfristig mit niedrigeren Stromkosten belohnt.
Modern Solartechnik macht auch schwierige Standorte nutzbar. Wenn Du die physikalischen Grenzen Deines Nordbalkons akzeptierst und Dein System entsprechend planst, wirst Du über viele Jahre Freude an Deiner Mini-PV-Anlage haben.

Als euer Experte für Solartechnik und erneuerbare Energien informiert euch Dominik regelmäßig im priwatt-Blog über alles Wissenswerte rund um die Themen Balkonkraftwerk, PV, Stromtarife, Batteriespeicher und Co.
